Europastadt Görlitz ... oder wie ich es nenne ... "das Loch"

Wie schon bereits erwähnt Lebe ich seit ca. 1,5 Jahren (November 2007) in Görlitz. Meine Beweggründe hierherzuziehen sind schnell erklärt, vor ca. 5 Jahren zog meine Familie her und da ich fließend Polnisch spreche und Görlitz direkt an der Deutsch-Polnischen-Grenze liegt versprach ich mir bessere berufliche Chancen als in Kiel. Doch kaum angekommen erkannte ich, dass diese schöne Altstadt die auf Bildern so prächtig gezeigt wird nichts weiter ist als trügerischer Schein.

Hier eine Auflistung meiner persönlichen Eindrücke dieser wundervollen Europastadt:

1. Rechtsradikale, wie Sand am Meer.
Nicht nur die optisch erkennbaren, auch völlig normal aussehnde Leute entpuppen sich nach einigen Sätzen als Anhänger rechten Gedankenguts. Beispiele sind Aussagen wie "Ich kauf nicht beim Polaken" als Antwort auf die Frage warum er nicht mal eben 20 Min. in Kauf nimmt um Produkt XY zum halben Preis in Polen zu erwerben. Beliebt auch der Schock nachdem man erfährt, dass ich keine Deutsche bin "Mit Polaken will ich nichts zu tun haben!". Auch der Regional-Chat der Stadt ist sehr tollerant. Ein Beispiel dazu ein farbiger User welcher in seinem Gästebuch dutzende Einträge im Sinne wie "Ey du Kohle, bist du verbrannt oder was?" oder "Geh weiter im Dreck spielen du Stück Sch***" , "Ab zurück in den Busch du braune Kacke" und und und. Ich frage mich manchmal woher diese Meinungen kommen. Wird denen das zuhause beigebracht? Sind Sachsen derartig engstirnig und ... tut mir leid ... aber dumm? Eine Vielfallt an Nationalitäten hat für mich z.B. etwas interessantes. Ich habe so die Möglichkeit hautnah die unterschiedlichsten Kulturen, Traditionen, Lebensweisen etc. kennenzulernen. Sind die Menschen hier nicht an soetwas interessiert? Wollen sie die Welt und ihre Menschen nicht kennenlernen? Gut wenn man sich Görlitz ansieht völlig nachvollziehbar, ich meine diese Stadt ist so vielfältig, interessant, spannend und überhaupt ... eine Weltstadt eben!
Sehr amüsant wird es wenn mir so ein rechter Spinner mit seinem sächsischen Dialekt seine super intelligenten Parolen um die Ohren schmeißt und wie sich seine Gesichtsfarbe ändert wenn ich ihn darauf hinweise, dass ich als Ausländer, besser, wortgewandter und vorallem dialekt- und akzentfreier Deutsch spreche als er. ... Ein amüsantes Schauspiel ist das

2. Ruinen über Ruinen.
Die schöne Altstadt die auf den Bildern von Görlitz so prunkvoll zur Schau gestellt wird ist nichts weiter als ein minmaler Bruchteil dieser Stadt. Der größte Teil der Stadt ist überzogen mit verfallenen, unbewohnten, dreckigen, hässligen, mit Brettern vor den Fenstern versehenen Häuserruinen. Eine nach der anderen schmückt das Stadtbild und gibt Görlitz diesen unverwechselbaren, deprimierend, grauen, veralteten, Ende-der-Welt-Flair. Furchtbar einfach nur furchtbar, vorallem wenn es mal stürmt ist äußerste Vorsicht geboten, da diese schönen bauten nämlich seit gefühlten Jahrhunderten keinen Handwerker gesehen haben kann man des öfteren mal einen Dachzigel vor den Kopf kriegen...

3. Grün? Bäume?! NATUR?!?
Ich aus Kiel kenne es, dass so ziemlich jeder leere Fleck bepflanzt wurde. Viel grün, viele Bäume, Rasenfläcken, Parks... natürlich, Parks gibt es hier auch doch sind diese gemessen an dem schönen Ruinen-Grau der Stadt derartig mager angelegt, so dass man sie auch gleich weglassen könnte...

4. Langeweile pur.
Hier ist nichts los. Volle 2 Discos und in einer davon werden 15-Jährige mit Hochprozentigem abgefüllt. Sicher, für Touristen im hohen Alter mag das hier ja mit der schönen (nein keine Ironie) Altstadt sehr interessant sein, doch für junge Menschen ist das hier ein derartig langweiliges Loch. Wen wundert es da, dass der größte Teil davon spricht so schnell wie möglich hier wegzuziehen?

Zu allem Negativen sollte man aber fair sein und auch die positiven Seiten dieser Stadt nennen.

1. Die Altstadt
Wunderschöne, alte Häuser und Straßen die sehr detailliert und aufwendig restauriert wurden. Wirklich ein Hingucker und es bringt Spaß einfach mal die Straßen entlangzulaufen und sich von diesem besonderem Flair den Tag zu verschönern. Passend dazu, das alljährliche Altstadtfest bei dem, wie der Name schon sagt, die Altstadt im Mittelpunkt steht und viele Vorstellungen, Attraktionen, Stände usw. passend zum Thema angeboten werden.

2. Die ältere Generation
Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass die älteren Bürger der Stadt im Gegensatz zu der jungen Generation keinerlei Ausländerfeindlichkeit an den Tag legen. Eher im Gegenteil, sie interessieren sich, sind stolz darauf wenn sie einige Brocken Polnisch oder Tschechisch kennen, erzählen von ihrer Vergangenheit, von ihren polnisch-tschechischen-Bekanntschaften, von den Vorteilen und und und. Da stellt sich mir automatisch die Frage woher das rechte Gedankengut der jüngeren Generationen kommt. Von zuhause können sie es, wie es scheint, ja nicht haben...

3. Freundlichkeit
Sachsen sind (auch die rechten wenn sie nicht merken dass man Ausländer ist *g*) sehr freundlich. Die Menschen sind zuvorkommend, offen, sie lächeln, unterhalten sich mit einem ... sehr sympatisch eben.



Im Großen und Ganzen kann man sagen, Görlitz ist eine Stadt für Senioren und sehr sehr sehr ruheliebende Menschen. Allen anderen würde ich strikt davon abraten hierherzuziehen.


Magda (Insanity)

20.4.09 20:54

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